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Interview mit Lars Stein von studienaktie.org

"Der Weg entsteht beim Gehen."

Not macht erfinderisch. Um seinen Lebenstraum eines BWL-Studiums an der Schweizer Universität in St. Gallen finanzieren zu können, „verkaufte" sich der gebürtige Saarländer Lars Stein. oikos erzählte er, wie es dazu kam und wie daraus studienaktie.org wurde.

 

 

oikos: Lars, auf eurer Website heißt es: „Das Team des gemeinnützigen Vereins studienaktie.org vermittelt Menschen mit einem klaren Bildungsziel persönliche Partnerschaften zu Investoren, die sie über mehrere Jahre ideell und finanziell auf ihrem Weg zum Ziel begleiten“. Was kann man sich genau darunter vorstellen?

Stein: Im Wesentlichen sind es zwei Komponenten. Der ursprüngliche Teil unseres Konzeptes war die finanzielle Unterstützung von – mitunter unkonventionellen – Bildungsprojekten, wenn keine oder wenige andere Möglichkeiten bestehen. Dies geschieht durch die Vermittlung von privaten Investoren, die erfolgsabhängige Darlehen vergeben. Der ideelle Teil, der sich über die letzten Jahre hinweg verstärkt entwickelt hat, umfasst Mentoring durch den Investor selbst. D.h. man hat direkten Kontakt zu interessanten Persönlichkeiten, die in verschiedensten Bereichen Unterstützung geben, Kontakte vermitteln etc. Noch weiter vorne im Prozess gibt es eine Coaching-Leistung von uns selbst, wo wir mit den Bewerbern – Aspiranten wie wir sie nennen – für ein Bildungsprojekt zusammen einen Lebensentwurf und eine dazu passende Finanzkalkulation entwickeln. Dies ist zum einen nötig, um den Investoren Vertrauen und Sicherheit zu geben, aber wir sehen immer mehr, dass es auch eine Leistung für die Aspiranten selber ist, weil man sich dadurch klar wird, was man in seinem Leben machen und erreichen möchte.

 

 

Wie konkret muss das Bildungsziel eines Bewerbers sein? Ist ein gesamter Businessplan, wie man ihn von Unternehmensgründungen kennt, nötig?

Wir vermeiden bewusst den Begriff „Plan“, weil es ein Lebensentwurf ist, der sich ändern kann. Es hat sich gezeigt, dass der Weg oft erst beim Gehen entsteht, d.h. im Rahmen des Coachings wird noch klarer, welches Bildungsziel die Menschen haben. In diesem Sinne sind es nicht nur Leute mit einem genauen Bildungsziel, sondern auch welche mit einem einigermaßen klaren Vorhaben, dessen Ziel sich dann im Prozess konkretisiert. Zu dem Lebensentwurf passend wird eine Finanzkalkulation gemacht, die Budget, Einkommensschätzung und Liquiditätsplanung über den ganzen Zeitraum der Vertragslaufzeit von bis zu zehn Jahren umfasst. Dadurch sehen die Aspiranten immer sehr transparent, was sie zurückzahlen müssen.

 

 

Wie bist du auf die Idee für dieses Projekt gekommen und wie ist der gemeinnützige Verein daraus entstanden?  

Ich habe im Jahr 2000 mit meinem Studium in St. Gallen begonnen und habe damals zwei Denkfehler begangen: erstens unterschätzt wie teuer das Leben in der Schweiz ist und zweitens nicht wahrgenommen, dass die deutschen Behörden mich dort nicht fördern. So war ich nach einem halben Jahr pleite und musste andere Möglichkeiten finden. Inspiriert durch eine Kunststudentin, die ihre zukünftigen noch nicht gemalten Bilder verkauft hat, habe ich mein zukünftiges Gehalt an damals 15 Investoren verkauft. Das war die Geburtsstunde. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass das Nichtfinanzielle noch viel wertvoller ist als das Geld. Und das wollte ich eigentlich schon immer einmal anderen möglich machen, habe dabei aber an einen späteren Zeitpunkt gedacht. Durch ein Interview im Jahr 2006 ist das ganze ins Rollen gekommen und es sind so viele Menschen an mich herangetreten, die das mitfinanzieren wollten, dass wir uns entschlossen haben, einen gemeinnützigen Verein zu gründen.

 

 

Inwieweit siehst du durch das Darlehen einen Erfolgsdruck auch im Gegensatz zu Stipendien, wo man nichts zurückzahlen muss?

Grundsätzlich sind wir komplementär zu Stipendien, d.h. wir sehen uns als Ergänzung dazu, wenn diese nicht ausreichen und wir beraten auch potentielle Aspiranten und informieren sie dahingehend, dass sie andere Quellen nützen könnten.

Einen Erfolgsdruck habe ich eigentlich zu keiner Zeit empfunden, weil das ein recht unternehmerisches und eigenverantwortliches Projekt ist. Man plant sein Bildungsprojekt, überlegt sich was man tun möchte und überzeugt andere Menschen davon, darin zu investieren. Sollte man sich umentscheiden und das Projekt verändern, muss man gegebenenfalls mit den Investoren nachverhandeln.

Mir persönlich ging es so, dass ich einen höheren Druck hatte, das Darlehen von der Universität St. Gallen schnell zurückzuzahlen, weil ich das wirklich als Schulden empfunden habe. Hier ist das aber anders. Es ist Eigenkapital, das mir Leute zur Verfügung stellen. Sie gehen damit ein Risiko ein, sie partizipieren an meinem Erfolg und damit fühlt sich das ganz anders an.

 

 

Wo siehst du die Verbindung des Vereins zur Nachhaltigkeit?

Es gibt mehrere Ebenen. Zum einen denke ich, ist Bildung der zentrale Schlüssel um Nachhaltigkeit umsetzen zu können. Zum anderen ist es das persönliche Umfeld, in dem u.a. oikos einen hohen Stellenwert hat. Wir haben viele Investoren, denen Nachhaltigkeit wichtig ist und die Nachhaltigkeit als Rollenmodell vorleben.

Wenn man einen breiteren Begriff von Nachhaltigkeit verwenden will, sind wir im sozialen Feld auch sehr stark aktiv. Bisher sind wir für die Leute da, die auf uns zukommen. Wir arbeiten an einem Bereich, der sich „Lust auf Bildung“ nennt, wo wir die Leute erreichen wollen, die uns nicht erreichen, also Leute aus so genannten „bildungsfernen“ Milieus. Wir wollen gezielt Lust auf Bildung durch Veranstaltungen, Workshops und Coachings wecken und da sind wir jetzt dabei verschiedene Dinge umzusetzen.

Wir verstehen uns als Social Enterprise, d.h. wir möchten keine Gewinne erzielen, wobei unsere Investoren natürlich Gewinne erzielen können. Wir als Organisation sehen uns aber als Organisation der Gesellschaft, die der Gesellschaft gehört und ihr dienen muss und darf.

 

 

Welche Möglichkeiten gibt es bei studienaktie.org mitzuwirken und in welcher Form?

Es gibt zwei Mitgliederkategorien. Einerseits die Aktiv-Mitglieder. Das sind jene mit Stimmrecht im Verein, von denen auch erwartet wird, dass sie sich mit mindestens 5 Prozent ihrer Zeit einsetzen und den Verein führen. Beim Vorstand sind es 10 Prozent ehrenamtlichen Einsatzes.

Die zweite Gruppe sind die Mitglieder des Förderkreises. Da gibt es drei Untergruppen: Fördermitglieder, Bildungsinvestoren und Bildungsaspiranten. Fördermitglieder sind Personen, die unsere Idee befürworten und uns unterstützen wollen: Mit Rat, Tat oder mit Geld. Auch unsere Beiräte sind Fördermitglieder. Als nächstes gibt es die Investoren. Diese fördern Bildung, indem sie Darlehen vergeben und als Mentor fungieren. Die Rollen wechseln aber häufig, d.h. ein Fördermitglied wird zum Investor, wenn die richtige Gelegenheit da ist.

Die Aspiranten sind im Prinzip der Kern des Ganzen. Sie werden in ihrem Bildungsprojekt einerseits von uns coachend unterstützt, dann natürlich von den Bildungsinvestoren finanziell und durch das Mentoring, sowie teilweise auch von unseren Fördermitgliedern, wenn wir an unseren Veranstaltungen dafür spezifische Formate anbieten.

 

 

Hast du schon erlebt, dass Investoren ihren Renditenanspruch maximieren wollten oder dergleichen?

Wir haben das durchaus schon erlebt; nicht, dass sie das umgesetzt haben, aber dass sie das wollten. Das war vor allem dann, wenn Menschen über Berichterstattungen auf uns zugekommen sind. Wir haben dann die Erfahrung gemacht, dass Leute das schnelle Geld gesucht haben. Die sind im Prozess aber wieder ausgestiegen, weil sie gemerkt haben, dass dieses Projekt dafür nicht geeignet ist.

Auf der anderen Seite haben wir auch bei den bestehenden Investoren welche, die durchaus auch Rendite erzielen wollen. Da schauen wir dann alle zusammen mit dem Aspiranten, was angemessen ist. Es darf zu keiner Vermögensinflation kommen, wir wollen das für beide Seiten fair halten.

 

 

Gibt es zwischen den Aspiranten einen Konkurrenzkampf um Investoren?

Nein. Das ist insofern ausgeschlossen, als wir die Investoren für die Aspiranten suchen. Wenn das Dossier der Aspiranten fertig ist, gehen wir auf Investoren zu und diese äußern dann Interesse, das wir an die Aspiranten weitervermitteln. Die Aspiranten kennen sich untereinander auch noch relativ wenig und es gibt keinen offenen Marktplatz in diesem Sinne. Wir suchen auch anhand des Lebensentwurfs die Investoren aus, damit ein effektives Mentoring stattfinden kann.

 

 

Planst du oder plant ihr, von studienaktie.org leben zu können?

Wir sind bereits daran das umzusetzen. Wir haben drei Jahre ehrenamtlich gearbeitet und sind seit Jänner 2010 zu dritt mit jeweils 60 Prozent angestellt und wir möchten eigentlich davon leben können. Im Moment werden wir von Stiftungen finanziert. In drei Jahren möchten wir mit der Organisation expandieren und über verschiedene Einnahmequellen selbsttragend sein, d.h. durch Mitgliedsgebühren, Transaktionsgebühren und wir sind dabei einen Fonds sowie einen Unternehmerkreis aufzubauen. Auf diesen Säulen wollen wir ab 2012 die Organisation aufbauen, weil wir gesehen haben, dass soviel Potential da ist, welches wir nur nutzen können, wenn wir uns dem hauptberuflich widmen.

 

 

Der Verein hat seinen Sitz in der Schweiz. Können sich österreichische Interessenten auch beteiligen?

Wir haben unsere Geschäftsstelle in Winterthur, wir sind aber gerade dabei einen Schwesterverein in Deutschland zu gründen und denken über eine Schwesterorganisation in Österreich nach. Angesichts dessen suchen wir Unterstützung von verschiedensten Menschen in Österreich, d.h. junge Leute, die sich als Aktiv-Mitglieder engagieren oder Investoren und Fördermitglieder, die gerne in Bildungsprojekte investieren wollen. Bei den Aspiranten könnten wir auch Pilotversuche machen, mit dem Vorbehalt, dass wir die rechtlichen Rahmenbedingungen in den nächsten Monaten noch abklären müssen. Es gibt also viele Möglichkeiten sich zu engagieren und wir würden uns freuen, wenn wir auch in Österreich auf Gegenliebe stoßen!

 

 

Wir danken für das Gespräch!

 

   

Das Interview führten Mario Diethart und Gregor Waltersdorfer

oikos – students for sustainable economics and management